Wegovy, Ozempic und Mounjaro haben das Abnehmen verändert. Viele Menschen haben mit den Medikamenten deutlich weniger Hunger, sind schneller satt und essen wesentlich kleinere Portionen als vorher.
Das ist erwünscht – kann aber neue Fragen aufwerfen: Was passiert mit der Nährstoff- und Ballaststoffzufuhr, wenn wir plötzlich viel weniger essen? Und was können wir tun, wenn sich gleichzeitig die Verdauung verändert?
Denn Übelkeit, Verstopfung, Durchfall, Völlegefühl oder Reflux gehören zu den bekannten Begleiterscheinungen von GLP-1-basierten Medikamenten.
Wir finden deshalb eine Frage besonders spannend: Welche Rolle können Meeresalgen in einer Ernährung spielen, bei der plötzlich deutlich weniger auf dem Teller liegt?
Vorweg: Algen sind kein Mittel gegen die Nebenwirkungen einer Abnehmspritze. Aber sie sind ein ungewöhnliches Lebensmittel mit überraschend vielen Ballaststoffen, intensivem Geschmack und Inhaltsstoffen, die auch wissenschaftlich interessant sind.
Warum beeinflussen Wegovy, Ozempic und Mounjaro die Verdauung?
Wegovy und Ozempic enthalten den Wirkstoff Semaglutid, einen sogenannten GLP-1-Rezeptoragonisten. Mounjaro enthält Tirzepatid, das sowohl auf GIP- als auch auf GLP-1-Rezeptoren wirkt.
Die Medikamente beeinflussen unter anderem Hunger und Sättigung. Viele Menschen essen dadurch automatisch weniger.
Gleichzeitig beeinflussen sie den Magen-Darm-Trakt. In den großen Zulassungsstudien gehörten Magen-Darm-Beschwerden zu den häufigsten Nebenwirkungen. Dazu zählen unter anderem Übelkeit, Durchfall, Erbrechen und Verstopfung. Bei Semaglutid können außerdem Völlegefühl, Aufstoßen, Blähungen und Reflux auftreten.
Das heißt natürlich nicht, dass Du diese Beschwerden bekommen wirst. Es erklärt aber, warum die Ernährung während einer Behandlung mit einer Abnehmspritze besondere Aufmerksamkeit verdient.
Weniger essen bedeutet auch: bewusster essen
Wenn der Appetit plötzlich deutlich kleiner wird, essen wir nicht automatisch nur weniger Kalorien.
Wir essen zunächst einmal von allem weniger.
Damit können auch weniger Protein, Ballaststoffe, Vitamine und Mineralstoffe aufgenommen werden. Genau deshalb beschäftigt sich inzwischen auch die Ernährungsmedizin damit, wie eine gute Ernährung während einer GLP-1-Therapie aussehen sollte.
Aktuelle Empfehlungen legen unter anderem Wert auf eine ausreichende Versorgung mit Protein, Flüssigkeit, Ballaststoffen und Mikronährstoffen.
Algen können das natürlich nicht alles leisten. Wir sehen sie vielmehr als eine von vielen Möglichkeiten, kleine Portionen abwechslungsreicher zusammenzustellen.
Und gerade beim Thema Ballaststoffe werden sie interessant.
Überraschend ballaststoffreich
Bei Ballaststoffen denken wir meistens zuerst an Vollkornbrot, Hülsenfrüchte oder Gemüse. Meeresalgen haben dabei kaum jemand auf dem Schirm.
Dabei besteht getrocknete Nori zu rund 40 % aus Ballaststoffen.
Bei unseren Meeresspaghetti sind es rund 35 %, bei Wakame rund 32 %.
Auch Meersalat kommt auf rund 26 %, Dulse auf etwa 14 %.
Natürlich isst Du keine 100 Gramm getrocknete Algen – und das solltest Du aufgrund des natürlichen Jodgehalts auch nicht tun. Aber die Zahlen zeigen, wie konzentriert Algen sein können.
Gerade wenn insgesamt weniger gegessen wird, finden wir es deshalb interessant, kleine Mengen unterschiedlicher ballaststoffreicher Lebensmittel miteinander zu kombinieren.
Ballaststoffe und Verstopfung bei der Abnehmspritze
Verstopfung gehört zu den häufigen Beschwerden unter GLP-1-Medikamenten. Gleichzeitig kann durch den verminderten Appetit die Menge der aufgenommenen Nahrung – und damit möglicherweise auch die Ballaststoffzufuhr – deutlich sinken.
Eine insgesamt ausreichende Ballaststoffzufuhr gehört deshalb zu den Punkten, auf die Ernährungsexperten während einer GLP-1-Therapie hinweisen.
Dabei sollten Algen natürlich nicht plötzlich kiloweise auf dem Speiseplan landen. Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Obst, Nüsse und Samen bleiben wichtige Ballaststoffquellen.
Meeresalgen bringen aber etwas mit, das sie von vielen Landpflanzen unterscheidet: ganz besondere Arten von Ballaststoffen.
Alginate: Was Braunalgen so interessant macht
Braunalgen wie Wakame und Meeresspaghetti enthalten sogenannte Alginate.
Alginate sind komplexe Polysaccharide und Bestandteil der Zellwände von Braunalgen. Eine ihrer besonderen Eigenschaften ist ihre Fähigkeit, in Verbindung mit Wasser gelartige Strukturen zu bilden.
Diese Eigenschaft ist so interessant, dass aus Braunalgen gewonnene Alginate heute sogar medizinisch genutzt werden.
Von der Braunalge zum Mittel gegen Reflux
Vielleicht hast Du schon einmal ein alginathaltiges Präparat gegen Sodbrennen oder Reflux verwendet.
Was viele nicht wissen: Alginate werden aus Braunalgen gewonnen.
In speziell formulierten Refluxpräparaten können sie im Magen eine gelartige Schicht bilden, die auf dem Mageninhalt liegt. Diese physikalische Barriere erschwert den Rückfluss von Mageninhalt in die Speiseröhre.
Und dieser Mechanismus ist nicht nur theoretisch interessant.
Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse wertete 14 klinische Studien mit insgesamt 2.095 Teilnehmern aus. Alginatbasierte Präparate waren bei der Kontrolle von Refluxbeschwerden wirksamer als Placebo beziehungsweise klassische Antazida.
Wir finden das faszinierend, weil es zeigt, dass die besonderen Ballaststoffe von Meeresalgen weit mehr sind als einfach nur „unverdauliche Pflanzenbestandteile“.
Allerdings gibt es einen wichtigen Unterschied:
Ein speziell formuliertes Alginatpräparat ist nicht dasselbe wie eine Portion Wakame oder Meeresspaghetti.
Aus diesen Studien können wir deshalb nicht schließen, dass der Verzehr unserer Braunalgen Sodbrennen oder Reflux durch Wegovy, Ozempic oder Mounjaro lindert.
Warum gibt es so wenige große Studien über ganze Algen?
Vielleicht fragst Du Dich jetzt: Warum untersucht man nicht einfach, ob Wakame oder Meeresspaghetti bei solchen Beschwerden helfen?
Ein Grund dafür liegt in der Struktur medizinischer Forschung.
Bevor ein neues Arzneimittel zugelassen werden kann, müssen Hersteller seine Wirksamkeit und Sicherheit in aufwendigen klinischen Studien untersuchen. Gleichzeitig können neu entwickelte Wirkstoffe durch Patente und andere Schutzrechte wirtschaftlich geschützt werden.
Bei einem gewöhnlichen Lebensmittel ist die Situation anders.
Niemand kann sich Meeresspaghetti oder Wakame als Lebensmittel exklusiv sichern. Wer eine große und entsprechend teure Humanstudie finanziert, erzeugt damit wissenschaftliches Wissen, von dem anschließend grundsätzlich auch alle anderen Anbieter dieser Alge profitieren können.
Der wirtschaftliche Anreiz für solche Untersuchungen ist deshalb ein anderer.
Das heißt ausdrücklich nicht, dass eine vermutete Wirkung automatisch vorhanden ist, nur weil sie bisher niemand ausreichend untersucht hat. Fehlende Studien sind kein Wirksamkeitsnachweis.
Es erklärt aber mit, warum wir über Arzneimittel häufig wesentlich mehr große klinische Studien finden als über traditionelle Lebensmittel.
Nicht nur Ballaststoffe: Auch Protein ist interessant
Auch beim Protein überraschen manche Algen.
Getrocknete Nori enthält rund 27 % Protein, Dulse rund 18 % und Wakame rund 13 %.
Trotzdem würden wir Algen nicht als primäre Proteinquelle bezeichnen. Dafür sind die Mengen, die Du davon isst, schlicht zu klein.
Gerade unter Wegovy, Ozempic oder Mounjaro solltest Du auf ausreichend Protein aus geeigneten Lebensmitteln achten. Das ist auch deshalb wichtig, weil bei einer stärkeren Gewichtsabnahme neben Körperfett fettfreie Masse verloren gehen kann.
Algen sind hier Ergänzung, nicht Hauptdarsteller.
Kleine Portionen dürfen trotzdem spannend schmecken
Einen Vorteil von Algen müssen wir gar nicht medizinisch begründen: Umami.
Algen bringen schon in kleinen Mengen einen intensiven herzhaften Geschmack auf den Teller.
Wenn Du unter einer Abnehmspritze nur noch kleine Portionen essen möchtest oder kannst, kann das durchaus interessant sein. Weniger Essen muss schließlich nicht automatisch langweiligeres Essen bedeuten.
Nori kannst Du beispielsweise zerbröseln und über Ei, Reis, Gemüse oder eine Bowl geben.
Dulse schmeckt kräftig und würzig und passt gut zu Kartoffeln, Ei oder Gemüse.
Wakame ist ein Klassiker für Suppen und Salate.
Und Meeresspaghetti kannst Du nach dem Einweichen ähnlich wie Gemüse verwenden – zum Beispiel im Salat oder als Bestandteil einer warmen Mahlzeit.
So reichen schon kleine Mengen, um einem Gericht einen völlig anderen Charakter zu geben.
Und was ist mit Jod?
Wer über Algen spricht, sollte auch über Jod sprechen.
Meeresalgen können natürlicherweise viel Jod enthalten. Deshalb gilt bei ihnen ausdrücklich nicht das Prinzip „viel hilft viel“.
Wir empfehlen grundsätzlich, sich an die angegebene Verzehrmenge des jeweiligen Produktes zu halten. Für Wakame und Meeresspaghetti liegt diese beispielsweise bei 4–5 Gramm getrockneter Alge pro Tag.
Bei einer Schilddrüsenerkrankung oder wenn Du aus anderen medizinischen Gründen auf Deine Jodzufuhr achten musst, solltest Du den regelmäßigen Verzehr jodreicher Algen vorher ärztlich abklären.
Können Meeresalgen nun Nebenwirkungen von Wegovy, Ozempic oder Mounjaro lindern?
Diese Frage können wir derzeit wissenschaftlich nicht mit Ja beantworten.
Es gibt keine ausreichenden klinischen Studien, die zeigen, dass der Verzehr von Nori, Wakame, Dulse oder Meeresspaghetti typische Nebenwirkungen einer GLP-1-Therapie behandelt.
Was wir wissen, ist interessanter als ein vorschnelles Wirkversprechen:
Wer weniger isst, sollte stärker darauf achten, was er isst.
Ballaststoffe, ausreichend Protein, Flüssigkeit und eine vielseitige Lebensmittelauswahl gewinnen bei kleinen Portionen an Bedeutung.
Meeresalgen können dabei eine spannende Ergänzung sein. Sie liefern bereits in kleinen Mengen besondere Algenballaststoffe und viel Geschmack.
Und die Forschung zu Alginaten zeigt eindrucksvoll, dass einige dieser Algenbestandteile Eigenschaften besitzen, die sogar medizinisch genutzt werden.
Unser Fazit: Weniger essen, besser auswählen
Eine Abnehmspritze kann das Verhältnis zum Essen ziemlich grundlegend verändern. Plötzlich ist nach einer kleinen Portion Schluss, Lebensmittel verlieren ihren früheren Reiz oder die Verdauung reagiert anders als gewohnt.
Wir glauben, dass genau dann die Qualität und Vielfalt der kleineren Mahlzeiten besonders interessant wird.
Meeresalgen sind kein Mittel gegen die Nebenwirkungen von Wegovy, Ozempic oder Mounjaro. Das möchten wir auch nicht behaupten.
Aber Nori, Wakame, Meeresspaghetti oder Dulse sind ungewöhnlich ballaststoffreiche Lebensmittel, bringen Umami und Abwechslung auf den Teller und enthalten Ballaststoffe, die sich deutlich von denen vieler Landpflanzen unterscheiden.
Vielleicht ist weniger Appetit deshalb auch eine Gelegenheit, neu darüber nachzudenken, was auf dem Teller wirklich Platz bekommen soll.
Medizinischer Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Medikamente wie Wegovy, Ozempic oder Mounjaro sollten ausschließlich entsprechend der ärztlichen Verordnung angewendet werden. Meeresalgen sind Lebensmittel und nicht zur Behandlung von Nebenwirkungen dieser Medikamente bestimmt. Bei starken oder anhaltenden Beschwerden wende Dich bitte an Deine behandelnde Ärztin oder Deinen behandelnden Arzt. Bei Schilddrüsenerkrankungen sollte der regelmäßige Verzehr jodreicher Meeresalgen ebenfalls ärztlich abgeklärt werden.
Quellen & Studien
European Medicines Agency (EMA): Wegovy – Product Information / EPAR.